Mittlerweile zum 11. Mal, wenn wir unsere beiden Touren auf dem Fränkischen Jakobsweg 2008 und 2012 mitzählen, wo wir die Lücke von Bamberg nach Langensendelbach geschlossen haben, sind wir nun auf dem Weg.
Alte Hasen? Sicher nicht, zumindest ich nicht. Ich bin immer noch aufgeregt wie am ersten Tag unserer Pilgerreise. Das Zusammenpacken aller Dinge, die ein Pilger braucht, geht natürlich viel leichter von der Hand als in den Anfangsjahren. Schon allein deshalb, weil sich im Laufe der Jahre all die Dinge herauskristallisiert haben, die ich brauche und die, die ich nicht brauche. Die lasse ich sowieso schon zuhause. Und trotzdem ist da die Aufregung, habe ich alles und nicht zuviel, schaffe ich den Weg, wirds Wetter einigermaßen halten und und und. Es gehört aber wohl einfach dazu und zu mir, so bin ich halt, abgebrüht ist wirklich anders.
So sind wir 2013 nach einer langen Fahrt über Bern, wo wir unsere obligatorische Stadtführung gebucht hatten, auf dem Weg nach La Cote St. Andre. In Bern müssen wir zeitmäßig etwas aufholen, da die Anfahrt viel länger gedauert hat als geplant. Da steckt man halt einfach nicht drin. Aber wir können das Berner Münster mit einer fachkundigen Führerin besichtigen und ich freue mich, dass ich einiges wiedererkenne. Ich war schon mal in Bern mit meiner Lieblingsfreundin und habe ihre Schwester, die zu der Zeit in Bern lebte, besucht. Das waren damals wunderbare Tage und ich erinnere mich mit Freuden daran. Und nun erkenne ich die Straßen, das Bähnle und auch so manches andere wieder. Schön.
Schnell ist die vorgesehene Zeit vorbei und es heißt weiterfahren bis zu unserem Übernachtungsort Voiron. In diesem Hotel haben wir schon die letzte Nacht 2012 verbracht und so kommen wir erstmals wieder in bekannte Gefilde.
Am anderen Tag beginnen wir unseren Weg in La Cote St. Andre mit unserem Morgenimpuls auf freier Strecke. 22,2 km haben wir heute nach Revel-Tourdan zu bewältigen. Es regnet, aber die Stimmung ist prima unter uns. Der Regen begleitet uns den ganzen Tag, kann uns aber die schönen Eindrücke der Landschaft nicht madig machen. Pommier-de-Beaurepaire, allein die Namen der Orte, die wir durchwandern, freuen mich. Aber ich und alle anderen mit mir sind dann doch froh, als wir in Revel-Tourdan am späten Nachmittag ankommen.
Gut ausgeschlafen machen wir uns am nächsten Tag auf, 28,7 km unter die Füße zu nehmen. Trocken ist es, kühl, aber trocken! Man glaubt es nicht, wie man sich darüber freuen kann, das muss man wirklich mal erlebt haben. Von Revel-Tourdan aus führt uns der Weg nach Bellegarde-Poussieu und plötzlich -grüß Gott- ist der Regen auch wieder da. Aber gut, wir sind ausgerüstet und laufen tapfer weiter, bis uns der starke Regen ca. 5km vor unserem Tagesziel Auberives-sur-Vareze zum Aufgeben zwingt. Wir shutteln das letzte Stück und kommen völlig durchnässt in unserer Herberge an.
Neuer Tag, neues Glück. Am anderen Tag geht es über Clonas-sur-Vareze in Richtung Chavanay. Der Dauerregen hat aufgehört, ein bissel regnet es ab und an, aber wir hoffen auf Besserung.
Wir überqueren die Rhone auf einer breiten Brücke und befinden uns nun im Department Loire.
Nach unserer kleinen Pause in Chavanay steigt der Weg langsam, aber stetig an, bis zum Kreuz von St. Blandine sind es noch 15km. In Bessey steht ein Schild, dass Santiago noch schlappe 1624 km entfernt sind. Aufgrund dieser Aussicht brauchten wir erstmal ein Mittagspäuschen, um unsere Kräfte dafür zu sammeln.
Am Weiler Le Buisson vorbei erreichen wir endlich das Kreuz St. Blandine in strömenden Regen. Wie schon so oft, müssen wir nach einem steilen Aufstieg auf der anderen Seite des Berges wieder runter. Besonders unangenehm, wenn der Weg durch den starken Regen zu einer gefährlichen Rutschpartie wird. Wir sind froh, als wir alle mit heilen Knochen unten angekommen sind. St-Julien-Molin-Molette (was für ein Name!) ist erreicht und somit unser Tagesziel.
Nach dem Regen ist vor dem Regen! Diese Regel sollte uns noch die ganze Woche begleiten. Was für uns im Klartext heißt, dass wir so manche Änderung in unserer Wegplanung vornehmen. Manchen Aufstieg, den wir der Aussicht wegen auf uns genommen hätten, lassen wir und wandern dafür außen herum. Aufwärts geht es trotzdem, über Bourg-Argental und Coirolles. Wieder auf dem Jakobsweg erwarten uns Schneereste und überflutete Wege. Montfaucon-en-Velay ist unser nächstes Ziel im Velay, einer MIttelgebirgslandschaft vulkanischen Ursprungs. Wir finden den Weg hinunter ins Dorf und beschließen unseren Pilgertag.
Der 1. Mai ist auch in Frankreich ein Feiertag, nur das Wetter ist wieder einmal wenig feierlich. Anfänglich trocken, dann zunehmend stürmisch, entwickelt sich ein ziemlich ungemütliches Gewitter, welches uns in einem Wald überrascht. Wir wappnen uns dagegen und suchen Zuflucht im Unterholz. Wir stimmen unser Marienlied an und singen tapfer gegen die Naturgewalten an. Angst hatte ich trotzdem und mit mir auch einige andere.
Wir witzeln, dass wir uns wohl mit unserer Ankündigung, auch die Sorgen und Nöte von allen Langensendelbachern mit auf den Weg zu nehmen, etwas übernommen haben. Den wenn wir erwischen, der uns derartiges beschert hat ..... Der Humor lässt uns die düstere Situation gut überstehen, wir singen noch ein bisschen und schon lässt das Gewitter nach und wir machen uns wieder auf den Weg. 1 Stunden laufen wir im strömenden Regen bis wir nach Tence kommen, wo wir uns endlich richtig unterstellen können. Kaffee und Kuchen tun ihr übriges und schon sieht die Welt wieder anders aus. Über den Fluß Lignon geht es in Richtung St. Jeures, Araules und Les Quatre Route, wo wir diesen außergewöhnlichen Tag zu Ende gehen lassen.
Am nächsten Tag überschreiten wir in Raffy mit 1.278m den höchsten Punkt der Via Gebennensis, auf der wir uns befinden. Die Witterung ist angenehm, jedoch die Wege und Stege noch unangenehm feucht. Monedeyres , Chapuze und Grange lassen wir vorbeiziehen und erreichen St. Julien-Chapteul
Die Fassade der Kirche erinnert uns schon an die Kathedrale von Le Puy, unserem diesjährigen Etappenziel. Es lohnt sich, die vielen Stufen zur Kirche hinaufzusteigen, denn die Aussicht ist einfach traumhaft. Und auch die Kirche aus dem 12. Jahrhundert beeindruckt mich sehr. In ihrem Inneren gibt es ein Taufbecken, das aus dem 8. Jahrhundert stammt. Wenn ich bedenke, wieviele Kinder da schon getauft wurden, das erfüllt mich wirklich mit Ehrfurcht, davor zu stehen.
Weiter geht es nach St. Germain-Laprade, wo wir wieder unser "Dona nobis pacem" was wir mittlerweile richtig gut im 3stimmigen Kanon singen, anstimmen. Auf ziemlich nassen und glitschigen Wegen geht es dann hinauf zum Montjoie auf 722m, dem Berg der Freude, denn von hier aus kann man das erste Mal Le Puy-en-Velay sehen. Ein kleiner Weg führt uns dann zu unserem Tagesziel Brives-Charensac.
Da wir schon in Le Puy übernachten, können wir am nächsten Morgen um 7.00 Uhr die Pilgermesse besuchen. Der Bischof von Le Puy hält den Gottesdienst, das Ritual ist vertraut, die Sprache mir natürlich fremd. Aber ich stimme ins Vater unser und den Gebeten leise auf Deutsch mit ein und kann den Gottesdienst wirklich mitfeiern.
Anschließend bittet der Bischof die zahlreichen Pilger aus aller Herren Länder an die Jakobsfigur ins Seitenschiff und spricht den Pilgersegen. Je ein Pilger darf den Segensspruch in seiner Sprache verlesen und ich werde ausgewählt, ihn auf deutsch zu sprechen, worüber ich mich sehr freue.
Wir erhalten alle ein kleines Medaillon mit der Madonna von Le Puy, was ich seit jenem Tag in meiner Tasche trage.
Im Regen laufen wir zurück zu unserem Hotel, frühstücken und dann bringt uns unser Bus zurück nach Brives-Charensac, um die letzten Kilometer nach Le Puy zurückzulegen. An der Loire entlang führt unser Weg zum Pont de la Chartreuse:
Wir folgend dem Fluß und nähern uns Le Puy, dem Endpunkt der Via Gebennensis, die wir hiermit beschließen. 1530 km liegen noch vor uns. Wir ziehen dankbar in die Kathedrale Notre-Dame-de-Puy ein, wo wir am Morgen schon den Gottesdienst mitgefeiert haben. Das Gefühl war jetzt ein anderes, es war das Ankommengefühl, ein großes Gefühl von Dankbarkeit. Dieser geben wir Ausdruck und singen vor dem Gnadenbild ein Marienlied.
Am Nachmittag folgen wir der Stadtführung und erfahren allerlei Wissenswertes über Le Puy. Unsere Führerin zeigt uns die schönen Ecken und führt uns dann wieder hoch zur Kathedrale, die seit 1998 zum Weltkulturerbe zählt.
Das Wahrzeichen der Stadt ist der Felsen St-Michel mit der Kirche aus dem 12. Jahrhundert. Die Aussicht von da oben ist einfach großartig.
Wir erfahren, dass Le Puy neben Chartres eines der ältesten Marienwallfahrtsorte in Frankreich ist. Sie zeigt uns auch, dass wir als Pilger in einer uralten Tradition stehen. Das Hotel Dieu St-Jaques, war vor Jahrhunderten Herberge für kranke und erschöpfte Pilger, nun beherbergt es ein Museum. Beim Abendessen lassen wir den Tag gemütlich ausklingen.
Am nächsten Tag steht die Heimreise an, 974 km wollen auf der Autobahn zurückgelegt werden. Wir unterbrechen unsere Fahrt in Colmar im Elsass und nehmen uns die Zeit für eine Stadtführung. Heute haben wir Sonnenschein, na prima. Aber den genießen wir halt jetzt im Elsass in dieser wunderschönen Stadt, wo wir natürlich auch den 500 Jahre alten Isenheimer Altar von Matthias Grunewald besichtigen.
400 km sind es dann noch bis ins heimatliche Langensendelbach, wo wir am Abend wohlbehalten und froh ankommen und von unseren Lieben begrüßt werden.
Man muß weggehen könnenund doch sein wie ein Baum:als bliebe die Wurzel im Boden,als zöge die Landschaft und wir ständen fest.Man muß den Atem anhalten,bis der Wind nachläßt und die fremde Luftum uns zu kreisen beginnt,bis das Spiel von Licht und Schatten,von Grün und Blau,die alten Muster zeigtund wir zuhause sind,wo es auch seiund niedersitzen können und uns anlehnen,als sei es die Schulter unsrer Mutter. (Hilde Domin)
Seid behütet
Eure Karin

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