Die Betonblöcke sind zwar nicht schön, aber wir sind froh, dass sie da sind. Der Weg führt uns lange diese Strasse entlang, bis wir sie endlich verlassen können und -zwar immer noch auf asphaltierter Strasse - durch kleinere Ortschaften kommen. Unseren ersten Stempel holen wir uns im kleinen Weiler Pereje.
Heute ist Pereje recht verschlafen, aber das kleine Örtchen hat eine reiche Geschichte. Hier gab es früher ein Hospiz, das Pilgern gerade in den schneereichen Wintern wertvolle Dienste leistete. Es war abhängig von O Cebreiro, seit es 1118 von der Königin Urraca dorthin übertragen wurde. Eigentlich aber beanspruchte Villafranca das Gebiet und so kam es zu langen und unerbittlichen Streitigkeiten darum. Erst die höchste Instanz, Papst Urban II, entschied den Streit zu Gunsten von O Cebreiro, die dann bis ins 19. Jh. blieben.
Heute mutet das kleine Örtchen mittelalterlich, aber doch sehr verschlafen an.
Der Weg führt zurück an die A6, der wir für weitere 3 km folgen und dann wieder per Abzweig nach Trabadelo kommen. Am Ortsausgang führt der Weg wieder hinüber zur Strasse und wir unterqueren ein weiteres mal die Autobahn. Kurz darauf erreichen wir La Portela del Valcarce. Hier finden wir eine schöne Bar und den ersten Cafe von Letche in diesem Jahr. Ein Jakobuspilger gibt uns die Entfernung nach Santiago mit 190 km an.
Ausserdem stellen wir zu unserer Freude fest, dass die winzig kleine Kirche des Ortes geöffnet ist. Bisher waren immer alle Kirchen fest verschlossen. Natürlich besuchen wir die Kirche und stimmen ein Marienlied an.
Über Ambasmestas erreichen wir Vega del Valcarce und danach Ruitelan. Beide Ortschaften durchqueren wir, da wir vor einer längeren Pause den grössten Teil der 29 km, die wir heute zu gehen haben, hinter uns bringen wollen. Mittlerweile führt der Weg stetig, aber moderat, nach oben.
Nach ca. 19 km erreichen wir Las Herrerias und da es dort eine sehr einladende Gastwirtschaft mit den schönen Namen Paraiso gibt, die dazu noch eine schöne Terasse hat, halten wir dort unsere Mittagspause.
Früher gab es hier viele Schmieden, worauf der Name hinweist. Gut ausgeruht starten wir in Richtung La Faba. Nun stehen die zwei grossen Anstiege des Tages an.
Zuerst erreichen wir Hospital. Papst Alexander III bezeichnet ihn in einer Bulle aus dem Jahr 1178 als "Hospital de los Ingleses" also als Hospiz der Engländer. Ein Baum nimmt die Grüsse, Gebete und Wünsche der Pilger auf. In allen möglichen Sprachen finden sich Texte auf den kleinen weißen Zettelchen, ein weiteres Indiz dafür, wie viele Nationen hier auf dem Weg sind.
Es geht stetig und gut ausgeschildert bergauf nach La Faba, was "die Bohne" bedeutet.
In der kleinen Kirche San Andres halten wir unser Abendgebet. Da noch 400 Höhenmeter zu bewältigen sind, wollen wir sicher dann in O Cebreiro erstmal ins Hotel. Während des Aufstiegs verlassen wir die Provinz Kastilien, die auch "das noble Land des Weizens" genannt wird und erreichen nun endlich Galizien.
O Cebreiro ist winzig und doch einer der Höhepunkte auf dem ganzen Camino Frances. Zwischen zwei Königreichen liegt es auf 1300m und seine uralte Geschichte geht bis in die Frühzeit zurück. Schon im 9. Jh fanden hier Pilger Unterschlupf. Wir besuchen die Kirche Santa Maria la Real und sie empfängt uns mit grosser Ruhe. Im Seitenschiff sehen wir den wundertätigen Kelch, der untrennbar mit der Geschichte des Ortes verbunden ist.
Um das Jahr 1300, an einem kalten Wintermorgen mit soviel Schnee, dass alle Strassen unpassierbar waren, kämpfte sich ein Schäfer aus Barxamajor bis hinauf nach O Cebreiro zur Messe. Er war der einzige Gläubige und der Mönch, der die Messe zelebrieren sollte, ärgerte sich, weil er wegen eines Gläubigen die Messe halten sollte. Er bezeichnete den Schäfer als dummen Menschen, der wegen einer Messe so eine Strapaze auf sich genommen hatte. In diesem Augenblick verwandelte sich die Hostie in Fleisch und der Kelch füllte sich mit Wein. Kelch und Hostienteller sind noch zu sehen, beide aus dem 12. Jh. Viele Sagen ranken sich um diese Geschichte. So soll das Jesuskind der Marienstatue in der Kirche bei diesem Geschehen die Augen aufgerissen haben und seitdem sind sie geöffnet. Und als Königin Isabella die beiden Reliquien mit nach Madrid nehmen wollte, weigerte sich ihr Maulesel und ging keinen Schritt, so blieben die Sachen da. Auch Richard Wagner soll hier gewesen sein und der Ort soll ihn zur Oper "Parzifal" inspiriert haben.
Die Pallozas, die typischen reetgedeckten Häuser gehen zurück in prähhistorische Zeiten. In einigen wurden Museen eingerichtet, die zeigen, wie früher die Menschen hier gelebt haben. Bewohnt werden nur noch wenige davon.
Wir erfahren, dass um 19 Uhr Messe gefeiert wird. Deshalb legen wir die Zeit fürs Abendessen auf 20 Uhr, um vorher noch zum Gottesdienst zu gehen. Wir beziehen unsere Zimmer und treffen uns in der kleinen Bar mitten im Ort, um noch ein Klara miteinander zu trinken. Als ich dann wieder in mein Zimmer will, lässt es sich nicht öffnen. Jutta und ich rütteln und ruckeln, leider ohne Erfolg. Unsere Bemühungen und wohl auch der damit verbundene Lärm rufen unseren Zimmernachbarn auf den Plan. Er kommt aus Sydney und wir werden ihn noch öfters sehen. Er probiert es auch und ruft bei uns mit seinem augenzwinkernden Vorschlag, es doch mit der John-Wayne-Methode, also mit Anlauf und der Schulter dagegen zu rennen, grosse Heiterkeit hervor. Ich hole nun dann doch die Wirtin, sie probiert es, es geht nicht und so holt sie ihren Mann. Der probiert es auch vergeblich und holt seinerseits noch einen anderen Mann. Langsam wird's eng auf dem Flur. Der Mann schaut und marschiert wortlos wieder ab. Kurz darauf kommt er mit einem Werkzeugkasten wieder. Die Versammlung zerstreut sich, bis nur noch er und ich übrig bleiben. In bester spanisch -deutscher Teamarbeit schrauben wir erst die Türklinke und dann das Schloss heraus. Als sich die Tür noch immer nicht öffnen lässt, tritt er erst mal feste dagegen, das bringt leider nichts. Mit Hilfe einer grossen Zange geht dann endlich die Tür auf. Er schraubt alles wieder zusammen. Ich bitte um einen Probelauf, ich im Zimmer, er davor. Die Tür ist zu und lässt sich wieder nicht öffnen. Ich klopfe und klopfe, er aussen auch, bis ihm anscheinend ein Licht aufgeht, dass ich die Tür nicht öffnen kann. Also das ganze Spiel nochmal von vorne und unter Einsatz aller Kräfte und etwas Öl bringen wir den Streikposten dazu, seinen Dienst ordentlich zu verrichten.
Jetzt wird es aber höchste Zeit, ich dusche und mache mich fertig für den Gottesdienst danach essen wir alle gemeinsam zu Abend und lassen den ereignisreichen Tag ausklingen.
Lass mich langsamer gehen, Herr.
Entlaste das eilige Schlagen meines HerzensDurch das Stillewerden meiner Seele.
Lass meine hastigen Schritte stetiger werden
Mit dem Blick auf die weite Zeit der Ewigkeit.
Gib mir inmitten der Verwirrung des Tages
Die Ruhe der ewigen Berge.
Löse die Anspannung meiner Nerven und Muskeln
Durch die sanfte Musik der singenden Wasser,
die in meiner Erinnerung lebendig sind.
Lass mich die Zauberkraft des Schlafes erkennen,
die mich erneuert.
Lehre mich die Kunst des freien Augenblicks.
Lass mich langsamer gehen,
um die Blume zu sehen,
ein paar Worte mit einem Freund zu wechseln,
einen Hund zu streicheln
ein paar Zeilen in einem Buch zu lesen.
Lass mich langsamer gehen, Herr,
und gib mir den Wunsch,
meine Wurzeln tief in den ewigen Grund zusenken,
damit ich emporwachse
zu meiner wahren Bestimmung.
(Gebet aus Süd-Afrika)
Seid behütet
Eure Karin





















Ich bin schon wieder gespannt auf den morgigen Blog.
AntwortenLöschenH.L.
Ich freue mich, dass ich wieder per Blog an Eurer Pilgertour teilnehmen kann. Herzlichen Dank fürs Einstellen nach dieser offensichtlich doch sehr anstrengenden Tagestour. Hut ab. Freue mich auf die nächste Etappe. Liebe Grüße Heike
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